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Ein Nerv wie ein Drahtseil: Der VAGUS-NERV ist nicht nur einer der längsten und dicksten Nerven im Körper – er ist auch so wichtig wie kaum ein zweiter. Und vielleicht das beste Frühwarnsystem in unserem Inneren

Der Körper, so an sich, ist schon ein faszinierendes, seltsames Ding. Ja, wir leben mit und in ihm, aber haben wir eigentlich wirklich ein Gefühl dafür, wie’s in uns aussieht? Also, der Vagusnerv zum Beispiel: Wie können wir uns den vorstellen? Wie zwei (Hirnnerven sind paarige Nerven) mäandernde Flüsse in einer Landschaft mit unzähligen großen und kleinen Nebenflüssen.
Schauen wir uns den zehnten der zwölf Hirnnerven doch mal etwas genauer an. Der Nervus Vagus ist der längste und wichtigste Nerv des Parasymphatikus, dem Gegenspieler des Symphatikus. Parasymphatikus und Symphatikus bilden zusammen das Vegetative Nervensystem, das alle unwillkürlichen Vorgänge im Körper steuert: Atmung, Herzschlag, Sekretion, Verdauung, Stoffwechsel, Hormone. Nur 20 Prozent seiner Nervenfasern arbeiten motorisch, die restlichen 80 sind quasi im Informationsdienst tätig – sie berichten dem Hirn und, jawohl, auch dem Darm permanent über den Zustand des Körpers.
Der Vagus heißt so, weil er zwischen Stammhirn und Darm durch den ganzen Körper wandert – das lateinische Wort „vagari“ bedeutet so viel wie „umherschweifen“. Er ist dabei aber auch so verästelt wie der Amazonas mit all seinen Nebenflüssen.
Aber was macht er nun eigentlich, der Vagus? Na ja, bis 1994 war sich die Medizinwelt einig, dass er einzig für unseren inneren Chill-out-Modus verantwortlich sei, also dort für Entspannung sorgt, wo sein Kumpel Symphatikus Stress macht. Oder, drücken wir es mal positiver aus: ihn in eine gewisse Leistungsbereitschaft versetzt, wenn Kampf oder Flucht angesagt sind. 1921 wurde durch den Pharmakologen Otto Loewi der „Vagusstoff“ ausgemacht, heute bekannt unter dem Namen Acetylcholin und der erste Neurotransmitter, der jemals von Wissenschaftlern identifiziert wurde. Er hält kräftig dagegen, wenn der Symphatikus Adrenalin und Cortisol ausschüttet.
Doch dann kam Dr. Stephen Porges, Wissenschaftler am Kinsey Institute der Indiana University Bloomington und Professor für Psychiatrie an der University of North Carolina. Er beobachtete, dass das autonome Nervensystem viel differenzierter arbeitet. Denn der Mensch reagiert wesentlich komplexer als nur mit Kampf, Flucht oder Entspannung. Und er erkannte die Doppelrolle des Vagusnervs dabei. Denn dieser besitzt zwei Anteile: Einen vorderen, schnell reagierenden Ast, den nur sozial agierende Lebewesen haben, und einen hinteren für alle. Kurz gesagt – der vordere Ast beeinflusst Emotionen und die soziale Interaktion durch Steuerung der Mimik, Stimmlage und Sprachrhythmus, der hintere Ast arbeitet archaischer und kann den Körper bei größtmöglichem Stress in einen Freeze-Zustand versetzen, eine Art Totstellen. Ein perfektes Schutzprogramm des Körpers vor zu viel Schmerz. Zusammen mit dem Sympathikus ergeben sich dabei drei vegetative Schaltkreise, die Porges als „Polyvagaltheorie“ zusammengefasst und 1994 bei seiner Antrittsrede als Präsident der Gesellschaft für psychophysiologische Forschung vorgestellt hat. Ein Zustand der Entspannung, bei dem der vordere Ast aktiv ist. Ein angespannter, bei dem der Sympathikus übernimmt und der erstarrte Zustand, bei dem der hintere Ast aktiviert ist. Ein regulationsfähiger Körper kann zwischen diesen drei Zuständen wechseln. Heute würde man dazu sagen: Der Mensch ist resilient.
Das war damals eigentlich eine sensationelle und neue Erkenntnis und hat den Vagus ziemlich aufgewertet. Der Haken: Bis heute interessiert’s kaum jemanden, immer noch reduzieren Mediziner den Wanderer auf seine reinen Körpersteuerungsfunktionen. Das ist zu kurz gesprungen, denn der Vagus reguliert auch emotionalen Stress. Funktioniert diese Regulation nicht, macht der Sympathikus Dauerstress und der hintere Vagus-Ast ist überaktiv. Und das führt zu: Herz-, Lungenbeschwerden, Bluthochdruck, Asthma, Herzrhythmusstörungen, Durchfall, Verstopfung, Sodbrennen, übermäßigem Essen, Migräne, Schlafproblemen, Verspannungen, Spannungskopfschmerzen, Depressionen, Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion, weniger Lebensfreude. Der Körpertherapeut und Craniocacral-Therapeut Stanley Rosenberg nennt es in seinem Buch „Der Selbstheilungsnerv“ die „vielköpfige Hydra“.
Ziemlich heftig, oder? Man kann körperlich spüren, wenn der Vagus überfordert ist, durch eine diffuse Übelkeit zum Beispiel oder durch eine Verspannung rechts im Nacken. Und messen kann man es auch, in der Herzratenvariabilität nämlich.
Und die Herzratenvariabilität könnt ihr durch ein cardioscan Screening ganz einfach und unkompliziert darstellen. Womit wieder mal aufgezeigt werden kann, dass Körperdaten und das Wissen um unseren Körper eine ganzheitliche Wichtigkeit haben.
Aber man kann ihm helfen, dem so wichtigen Vagus, wenn er an seine Grenzen kommt. Craniosacral- und Traumatherapeuten wissen das – sie wirken aktiv auf ihn ein. Tiefes Atmen, Meditation, Yoga, ja, selbst Summen und Singen helfen – oder eine Runde durch den Wald, all das hilft. Oder das, was man bei der Craniosacralthrapie macht: Mit sanften Griffen an den Hals oder den Kopf wird der Vagus, im wahrsten Wortsinn: manipuliert. Und das trägt nachweislich dazu bei, dass man sich besser, entspannter, gelöster, ja: glücklicher fühlt.
Wie gesagt: der Körper ist schon echt faszinierend.
Einige einfache und kurze Atem- und Entspannungsübungen findet ihr auch in der vicoach App. Tut also euch und eurem Vagus-Nerv etwas Gutes und arbeitet damit an der Verbesserung eurer Körperdaten.