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Bald stehen sie wieder an, die guten alten Neujahrsvorsätze. Falls ihr noch welche braucht – wir hätten da einen: Geht tanzen. Es gibt kaum etwas, das euch derart mit Vergnügen fit hält. Und zwar Körper UND Seele!

In Hamburg gibt es diese eine Tanzgruppe. Es sind Menschen jenseits der 50, die sich hier zusammenfinden, ein paar Rollatoren stehen an der Seite des Raumes, und ja: Bei manchen sieht es ein bisschen ungelenk aus, wenn sie sich zur Musik bewegen. Das ist kein Wunder, denn alle hier haben Parkinson. Und dann tanzen? Wie geht das? „Sehr gut“, sagt eine der Tänzerinnen hier, nennen wir sie mal Inge. Sie hat ihre Diagnose vor zehn Jahren bekommen, die Krankheit schreitet voran, trotz Physiotherapie, trotz ihrer Medikamente. „Aber wenn ich hier bin, wenn ich tanze, dann vergesse ich meine Krankheit sogar“, sagt sie, „und mein Körper offenbar auch.“
An Tagen, an denen Inge tanzen geht, braucht sie weniger Medikamente. Emotion sei das Stichwort, sagt ihr Neurologe, und zwar die positiven: Gute Gefühle tun auch dem Körper gut. Und dass Tanzen sich gut anfühlt, dürfte für die meisten von uns keine Neuigkeit sein. Wisst ihr noch, wie schön das war, als ihr im sommerlichen Morgengrauen nach einer durchgetanzten Nacht aus dem Club gewankt seid? Wie es tief in euch vibriert hat nach der Scheunendisco auf dem Dorf, in dem ihr groß geworden seid? Wie herrlich sich die Erschöpfung nach einem Abend im elterlichen Partykeller anfühlte, als ihr so etwas mit 14, 15, 16 noch gemacht habt?
Den Rhythmus zu spüren, mit ihm zu verschmelzen, ihm über den eigenen Körper eine optische Entsprechung zu geben, das ist zuallererst eine Sache des Glücks. Aber warum eigentlich? Da gibt es ein paar Faktoren. Zum einen: Tanzen ist eine hochgradig soziale Sache, Leute, allein die zum Radio in der Küche tanzen, sind ja doch eher die Ausnahme. Tanzen schafft Gemeinsamkeit, ob nur in der Formation in einer Gruppe oder mit Fremden in einem Club, es erleichtert Kontaktaufnahme und Integration – und das sind pure Stimulanzen für unser Gehirn. Und apropos Gehirn: Musik schießt uns sofort in den Kopf, sie aktiviert den limbischen und paralimbischen Bereich des Gehirns. Der erste lässt Gefühle entstehen und verarbeitet sie zeitgleich. Der zweite aber macht einen richtig spannenden Job: Er verknüpft Emotionen mit der Atmung, der Verdauung, dem Stoffwechsel. Kein Quatsch: Musik und vor allem die Bewegung zu ihr reguliert deine vegetativen Funktionen. Die Atmung wird ruhiger und gleichmäßiger, der Stoffwechsel wird plötzlich wieder aktiver, und auf dem Klo klappt es auch besser.
Nicht nur dort übrigens. Forschungen unter Jugendlichen in den USA haben ergeben: Wer viel tanzt, kommt mit mathematischen Aufgaben besser zurecht und entwickelt ein gutes räumliches Verständnis. Wissenschaftler der Uni Bochum entdeckten darüber hinaus, dass Tänzer nicht nur glücklicher, sondern auch reaktionsschneller und beweglicher sind und sich besser konzentrieren können. Was wiederum nicht verwundert, wenn man andere Forschungsergebnisse kennt, nach denen beim Tanzen nicht nur die Glückshormone Endorphin und Dopamin ausgeschüttet werden, sondern die Musik, die Koordination, der Rhythmus in Tateinheit derart komplex sind, das bei kaum einer Tätigkeit das Gehirn derart stimuliert wird. Mehr noch: Sogar das Volumen des Gehirns kann zunehmen.
Ach, und haben wir schon erwähnt, dass auch Stress durch Tanzen abgebaut wird? Nicht? Na gut, dann jetzt, und wir belegen es auch. Beziehungsweise: Die kolumbianische Psychologin Cynthia Quiroga Murcia tut das für uns. Die hat für ihre Doktorarbeit an der Uni Frankfurt 22 tangotanzenden Paaren vor und nach dem Tanzen Speichelproben abgenommen. Und festgestellt: Das mit Stress assoziierte Hormon Cortisol nimmt beim Tanzen ab, dagegen schüttet der Körper beider Partner in erhöhtem Maß das Sexualhormon Testosteron aus.
So. Und das ist vielleicht nicht die allerschlechteste Nachricht für Euch: Wenn ihr euch nach jetzt beinahe zwei Jahren in diesen Zeiten der vorsichtigen Öffnung wieder in einen Club traut und die Nacht durchtanzt, werdet ihr nicht nur glücklicher, bekommt besser Luft, verlasst das Klo deutlich erleichterter und mildert viele Symptome eurer eventuellen Vorerkrankungen ab – aller Voraussicht nach bekommt es auch Eurem Sexleben ganz gut. Let’s dance!