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…aber die Schuhe zieht ihr vorher bitte aus – für eine Fußreflexzonenmassage braucht man schließlich die nackte Fußsohle. Wozu das eigentlich gut ist? Na ja: für alles. Auf dem, was den ganzen Tag den Boden berührt, ist nämlich der ganze Körper abgebildet

William Fitzgerald war verblüfft. Er, ein junger, ziemlich begabter und noch neugieriger Hals-Nasen-Ohren-Arzt auf dem Nordosten der USA, beobachtete gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Ureinwohner Nordamerikas, oder genauer: ihre Heilmethoden. Aber mit dem, was der da gerade sah, hatte er nun wirklich nicht gerechnet: Da hatte sich dieser Mann zu seinem indigenen Kollegen begeben und über eine schmerzende Schulter geklagt. Und was machte der Medizinmann? Legte seinen Patienten lang hin und begann, ihm die Fußsohle zu massieren. Und der stand irgendwann auf, rotierte vorsichtig mit dem betroffenen Gelenk, grinste und ging. Die Schmerzen waren weg. Und Fitzgerald stand vor einem Rätsel.
Aber das gedachte er zu lösen.
1913 veröffentlichte der Amerikaner eine, na ja, Art Landkarte in Form eines Körpers. Auf der, überschrieben mit „Zonenlehre“, war zu sehen, welcher Punkt unten mit welchen Bereichen des Körpers korrespondierte. Und mehr noch: Fitzgerald gab praktische Anweisungen mit, wie diese Punkte bei der schulmedizinischen Behandlung von organischen Leiden helfen könnten. Die deutsche Heilpraktikerin Hanne Marquardt hat dieses Verfahren später noch weiterentwickelt und auf die Füße reduziert, und auch das dürfte ein Grund dafür sein, dass die Fußreflexonen-Massage (die übrigens auch die nordamerikanischen Ureinwohner nicht erfunden haben – schon im alten Ägypten und im China von vor 5000 Jahren kannte man Reflexzonen) heute vor allem von Heilpraktiker:innen angewendet wird. Schade eigentlich, denn würde es die Sache auf Rezept geben: Dieses Land wäre mutmaßlich deutlich gesünder.
Was aber passiert da eigentlich? Erklären wir’s mal mit einer Art Fachchinesisch, sprich: mit TCM, der Traditionellen Chinesischen Medizin. Das Prinzip der Fußreflexzonenmassage entspringt nämlich der Qi-Lehre des Taoismus, nach welcher die körperliche Gesundheit von einem störungsfreien Fluss der Lebensenergie abhängt, eben diesem Qi. Der Qi-Fluss wird durch ein körpereigenes Netzwerk von Energiebahnen reguliert. Durch Massagen, Akupunktur oder auch Akupressur dieser Meridiane lassen sich nach Auffassung der TCM Blockaden im Bereich des Qi-Flusses auflösen und so Beschwerden beheben, die sogar innere Organe betreffen.
TCM-Anhänger haben noch eine ganz andere Idee. Nämlich, dass die Fußreflexzonenmassage das zentrale und periphere Nervensystem in seiner Gänze erreicht. Dieser Gedanke nennt sich Somatotopie, und die setzt voraus, dass sich die Anatomie des Körpers mit all ihren Facetten ganz weit unten widerspiegelt: ein ganzer Körper auf einer Fußsohle.
Zum Beispiel ist – wir folgen da einfach mal den Annahmen von Marquardt, Fitzgerald und ganz China –  die Innenseite des großen Zeh mit der Stirn- und Schläfenregion verbunden, der Fußballen darunter mit den Augen und der Schilddrüse. Der Fußrücken steht in Verbindung mit der Brust und den Lungen, die Außenseite der Ferse mit Hüfte und unterem Rücken, der Bereich zwischen Ferse und Außenknöchel mit den Hoden respektive Eierstöcken. Tritt nun an einer dieser Stellen beim Massieren ein Druckschmerz auf, weist das auf eine Störung des damit korrespondierenden Organs hin. Und nicht nur Probleme des Organapparats oder der Muskeln kann man durch Reflexsohlenmassage ansprechen, nicht nur Kopfschmerzen, Asthma, Rücken- und Zahnschmerzen lassen sich so behandeln – auch depressive Verstimmungen, Nervosität, Wechseljahresbeschwerden, Schlafstörungen: alles per Druck auf die Füße linderbar.
Gute Therapeut:innen üben dafür mit dem letzten Daumenglied langsamen und sanften Druck auf einzelne Reflexzonen des Fußes aus. Die Massage wird dann ganz vorsichtig verstärkt, bis man tief im Gewebe zu spürt: da passiert was. Der Druck kann bis zu 30 Sekunden gehalten werden – und wird genauso langsam wieder verringert. Und so geht es dann mit der gesamten Fußsohle, je schmerzender, fester oder sensibler ein Bereich, desto ausgiebiger wird er bearbeitet. 20 Minuten dauert so eine Massage mindestens, bis zu einer Dreiviertelstunde kann sie sich ausdehnen.
Für jeden ist die Fußreflexzonenmassage allerdings nichts. Denn das Ding ist ungemein anregend – wer an akuten Infekten leidet, entzündete Gefäße hat oder gar einen Tumor in sich trägt, regt auch die Quellen dieser Leiden an. Ist halt wie alles im Leben und in der TCM: Ein jedes Ding hat zwei Seiten.
Okay. Und nun? Na ja: trotzdem anfangen mit den Änderungen. Denn wer abnehmen, mehr Sport treiben und überhaupt ein gesünderer Mensch werden will als er ist, kommt nicht drum herum, an gewissen Stellschrauben zu drehen.